Ursula Sladek auf dem Rottweiler Zukunftsmarkt!

Eine Rebellin zu Besuch bei Obama

Ursula Sladek war 1986, nach Tschernobyl, Mitgründerin der Bürgerinitiative „Eltern für eine atomfreie Zukunft“ in Schönau. Von 1997 bis 2014 leitetet sie den ersten deutschen Ökostromanbieter Elektrizitätswerke Schönau (EWS). Am Sonntag, 17. April, hält sie beim ersten Rottweiler Zukunftsmarkt den Eröffnungsvortrag. Wir sprachen mit ihr über rebellische Zeiten, Quertreiber und Bürger, die sich einmischen. ­

Vor 30 Jahren war der Gedanke abwegig, Sie würden einmal von Schönau ins Weiße Haus reisen, um von US-Präsident Obama einen bedeutenden Umweltpreis zu bekommen. Was hat Sie von einer Lehrerin zur Energierebellin werden lassen?

Das war Tschernobyl und die traurige Erkenntnis, dass weder die Politik noch die Energieversorger daraus Konsequenzen ziehen würden. Da war uns klar, dass wir selbst handeln müssen. Die Bezeichnung Stromrebellen wurde uns – ich sage mal liebevoll – von den Medien verliehen. Die Übernahme des Stromnetzes und der Stromversorgung in Schönau war nur mit diesem rebellischen Geist möglich, sieben Jahre Kampf und zwei Bürgerentscheide hat es gebraucht, bis die Schönauer Bürger sich gegen die Übermacht des großen Energieversorgers und die lokalen Widerstände durchsetzen konnten. Auch die Belegung unserer evangelischen Kirche in Schönau 1998 mit einer großen PV-Anlage, den Schönauer Schöpfungsfenstern, war nur mit einer Solarrevolution möglich. Heute kämpfen wir für das in der Verfassung verbriefte Rechte der Kommunen, die Energieversorgung in eigener Regie zu betreiben, was durch das kartellrechtliche Regime konsequent verhindert wird.

Was bedeuten Ihnen solche Auszeichnungen, zu denen auch der Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg oder der deutsche Umweltpreis gehören?

Manchen würde das ja ganz gehörig in den Kopf steigen. Natürlich freue ich mich über die Auszeichnungen, die ja eigentlich eine Auszeichnung für alle diejenigen ist, die zusammen mit uns – meinem Mann und mir – hier in Schönau für die Energiewende engagiert sind. Unsere Arbeit profitiert von den Auszeichnungen, die die EWS Schönau bekannter gemacht und zu einem Imagegewinn geführt haben. Es ist schon toll, dass Stromrebellen solche Anerkennung erhalten, eigentlich sind das Auszeichnungen für alle Atomkraftgegner und Klimaschützer.

Erstaunlich, dass das kleine Schönau bei der Energiewende über die deutschen Grenzen hinaus so beachtet wird. Zufall? Oder hat gerade die Provinz bei der Energiewende besondere Chancen?

Ich glaube nicht, dass es Zufall ist. Es gibt meiner Meinung nach zwei Hauptgründe, dass Schönau solche Beachtung findet. Der erste ist in der Entstehungsgeschichte der Elektrizitätswerke Schönau zu finden. Die Bürgerinitiative, der kleine David, der dem Energieversorger das Stromnetz gegen alle Widerstände abgerungen hat und die Bürger von Schönau überzeugen konnte, in zwei Bürgerentscheiden für die bürgerschaftliche Stromversorgung zu stimmen. Das ist eine unglaubliche Geschichte, die vielen den Mut gibt, schwierige Dinge anzupacken, im Vertrauen darauf, dass diese gelingen. Der zweite Grund hat mit der Energiewende an sich zu tun. Die erneuerbaren Energien sind von ihrer Natur aus dezentrale Energien und erfordern daher auch dezentrale Strukturen. Anders als Großkraftwerke, die an einigen wenigen Standorten gebaut wurden, sind die erneuerbaren Energien – Wind- und Wasserkraftwerke, Solarenergie und Biomasse – über ganz Deutschland verteilt, also auch in der Provinz, wo es häufig bessere Standorte gibt als im städtischen Raum.

Auf unserem Rottweiler Zukunftsmarkt ist neben der Wirtschaft ganz bewusst auch viel bürgerschaftliches Engagement zu sehen. Dürfen wir die Zukunftsgestaltung der Politik allein überlassen?

Ein ganz klares „Nein“ als Antwort. In den 90er-Jahren hat die Politik zusammen mit den Energieversorgern große Plakatkampagnen gemacht, auf denen zu lesen war, dass die erneuerbaren Energien niemals mehr als vier Prozent zur Stromversorgung beitragen könnten. Inzwischen haben wir mehr als 30 Prozent erneuerbare Energien, die weit mehr als die Hälfte durch bürgerschaftliches Engagement entstanden sind.

Und was macht die Politik aktuell?

Wie denken Sie über die Spannung zwischen ökologischer Genügsamkeit und Genussfreude?

Ich glaube, dass Lebenslust und Lebensfreude die Voraussetzung sind für erfolgreiches Handeln – und das ist ja unser Ziel: erfolgreich zu sein bei der Umsetzung der Energiewende. Natürlich macht nicht alles immer Spaß und unser Tun ist auch mit ganz viel Arbeit verbunden, aber es gibt viele Anlässe, sich zu freuen: Wenn wir eine neue Stromkonzession erringen, wenn wir die Genehmigung für einen Windpark bekommen, wenn wir eine neue Solaranlage bauen, wenn wir mit einem Kooperationspartner ein neues Modell der Stromversorgung realisieren. Und bei all unserer Arbeit darf das Lachen nicht zu kurz kommen. Daher hatten wir früher eine eigene Kabarettgruppe, die für gute Laune gesorgt hat, und heute sind wir der einzige Energieversorger mit angeschlossener Kabarettbühne: Fast alle große Kabarettisten waren schon bei uns in Schönau.

Welche vier Tipps liegen Ihnen am Herzen, wie Bürger in ihrem Alltag ganz einfach auf enkeltauglichen Zukunftskurs gehen können?

Ein wie Sie sagen „enkeltauglicher Zukunftskurs“ hat mit alllen Bereichen unseres Lebens zu tun, nicht nur mit der Energieversorgung, sondern auch mit Mobilität, mit Ernährung, mit der Wärmeversorgung und so weiter. Wir müssen also unseren Lebensstil auf den Prüfstand stellen und schauen, was mit dem Anspruch Enkeltauglichkeit vereinbar ist. Aus der Übernahme von Verantwortung für kommende Generationen resultieren positive Gestaltungsmöglichkeiten unserer Gesellschaft – ich halte das für einen Zuwachs an Lebensqualität. Und hier ganz kurz meine vier Tipps: weniger Strom und Wärme verbrauchen durch intelligente Nutzung, umweltfreundliche und friedensfördernde Geldanlagen und Geldinstitute zur Zusammenarbeit wählen, weniger Fliegen, denn Fliegen ist die klimaschädlichste Art sich fortzubewegen, sich politisch engagieren, denn wir können die Zukunft der Welt nicht nur der Politik und Wirtschaft überlassen.

Die Fragen stellte Frank Sucker

Originalbeitrag des Schwabo:

http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.rottweil-eine-rebellin-zu-besuch-bei-obama.b097e36b-d16f-4fa9-965c-593619738621.html

 

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